Interview: Edgar Selge über Lampenfieber, Bühnensex und eine Knastkindheit

Herr Selge, Ihre Darbietung von Michel Houellebecqs  "Unterwerfung" in Hamburg sorgt für Furore: Die Karten sind so begehrt, dass das Schauspielhaus jetzt Stehplätze anbietet. Hat Ihnen die Intendantin Karin Beier schon die Füße geküsst? Frau Beier ist keine Frau, die Füße küsst. Außerdem ist es unser gemeinsamer Erfolg. Ich fühle mich sehr angenommen vom Publikum. Da herrscht ein Rausch der Zustimmung, gleichzeitig ist es über weite Passagen mucksmäuschenstill. Wie verkraftet man so viel Lob? Es gibt einen Satz von Dieter Dorn aus meiner Zeit an den Münchner Kammerspielen , den er uns immer gesagt hat: "Großes Lob ist schwerer auszuhalten als großer Tadel." Kritik provoziert, da bleibt man in einer Haltung des Sich-Wehrens, der Reflexion. Großes Lob dagegen kann kampfunfähig machen. Also keine Gefahr von Größenwahn bei Ihnen? Das ist schon dadurch ausgeschlossen, dass ich nach jeder Aufführung weiß, dass ich die nächste erst mal wieder spielen muss. Die Nervosität vor der neuen Aufführung beginnt bei mir bald nach der letzten. Sie haben jedes Mal wieder Angst, zu scheitern? Ja, absolut. Lampenfieber. Angst. Wirklich Angst. Damit muss ich umgehen, dieses Lampenfieber muss ich beruhigen, und ich muss meinen Mut finden. Ich weiß, dass zweieinhalb Stunden Monolog nicht ohne Fehler und Improvisationen verlaufen. Sie bekommen nach jeder Aufführung ein Skript, in dem die Souffleuse Ihre Versprecher angestrichen hat. Ärgern Sie sich, wenn Sie nachsitzen müssen? Überhaupt nicht. Das geschieht ja auf meine Bitte hin. Sie können keine zweieinhalb Stunden Monolog spielen, ohne zu improvisieren. Wenn es im Text heißt: "Ihr Rock war so kurz, dass man die Spalte ihrer rasierten unschuldigen Möse sah" und ich sage: "dass man die Spalte ihrer unrasierten schuldigen Möse sah" - das ist mir unangenehm, obwohl es eigentlich wurscht ist. Zur Not kommt die Souffleuse. Mir ist das neulich passiert an der Stelle, wenn ich sage: "Mein Schwanz war das einzige Organ, das sich mir nie durch Schmerzen bemerkbar gemacht hat, sondern nur durch rauschhaften Genuss." Plötzlich hing ich, und mir entfuhr der Satz: "Das kann doch nicht sein, dass ich ausgerechnet beim zweiten Satz über meinen Schwanz hänge!" Darauf rief die Souffleuse: "Bescheiden, aber robust hatte er mir stets treu gedient." Das war für die Zuschauer ein besonderer Theatermoment. Sie haben das sehr genossen. Was darf Ihnen auf keinen Fall passieren auf der Bühne? Ein Problem wäre, wenn ich meine Angst nicht loswerde am Abend beim Spielen . Aber ich würde mich davor hüten, mich darüber zu ärgern, denn damit würde ich mich selbst zusätzlich bestrafen. Das klingt altersweise. Waren Sie schon immer so gelassen? Nein, ich habe immer ein sehr gebrochenes Verhältnis zu meinem Handwerkszeug gehabt. Je mehr man versucht hat, mir etwas beizubringen, desto verkrampfter wurde ich. Alles, was ich gelernt habe, ist die Summe meiner Erfahrung aus 40 Jahren Spielen. Wie kommen Sie nach so einer Aufführung besser runter? Meditation oder Alkohol? Weder noch. Ich trinke schon lange keinen Alkohol mehr. Meine wichtigste Droge beim Spielen ist das Adrenalin. Ich habe mich schon häufig auf der Bühne verletzt und erst Tage später tiefe, blaue Flecken, Risse und Wunden bemerkt, die mir vorher gar nicht aufgefallen sind. In " Unterwerfung " turnen Sie an einem riesigen Kreuz herum, das sich langsam dreht. Eine sportliche Leistung mit 68. Ich war gerade beim Arzt. Er schaute sich meinen Bauch an und sagte: "Das sieht ja aus wie eine Wiese, so grün ist das." Das war die Stelle des Bauches, mit der ich immer eine Weile am Kreuz hänge und mich noch mal zum Publikum umdrehe, ein paar Passagen weiterspreche, bevor ich dann endgültig reinkrieche. Sie haben mal gesagt: "Ich glaube, was ich spiele." Können Sie sich mit Houellebecqs Figur des heruntergekommenen, sexsüchtigen Professors François identifizieren? Unbedingt. Houellebecqs Leistung ist, dass er in seinen Büchern die eigene Amoralität total zur Verfügung stellt. Damit tut er uns Lesern einen Gefallen. Ich kann mich bei Houellebecq entspannen, das Anstrengende meines eigenen Moralkodex für eine Zeit beiseitelassen. Und diesen Genuss, den ich dabei empfinde, den versuche ich an die Zuschauer weiterzugeben. Die Bühne als amoralische Anstalt. Ich versuche, Houellebecqs Provokationen so total umzusetzen wie irgend möglich. Ich halte die Zuschauer für intelligent genug, zu erkennen, dass sie mit dem Opportunismus verführt werden sollen, der in diesem Text steckt. Und ich gehe davon aus, dass die Leute nach der Aufführung einen Moment des Schreckens erleben, auf was sie sich da eingelassen haben. Sie wollen, dass die Hamburger ein bisschen unruhig schlafen nach der Aufführung? Ja, denn wir leben in einer heuchlerischen Gesellschaft, die sich nicht zu ihren Ängsten bekennt. Nehmen Sie die Flüchtlingskrise, da gibt es sicherlich zwei Stimmen in den meisten Menschen: einerseits die Angst vor dem Fremden, andererseits eine große Bereitschaft, zu helfen. Das Problem ist, dass wir mit unseren Ängsten und Affekten nicht offen genug umgehen. Wir müssen unseren Impuls, den Flüchtlingen helfen zu wollen, mit unserer Angst vor Migranten harmonisieren. Hatten Sie Einfluss auf die Inszenierung? Karin Beier hat mich sehr früh in ihre Entscheidungen eingebunden, und wir hatten durchweg einen offenen Gedankenaustausch. Gegenseitige Inspiration also. Ich habe mich zum Beispiel sehr dafür eingesetzt, dass zwei Sexszenen reinkommen. Warum? Weil Houellebecq ohne Sexszenen kein Houellebecq ist. Für ihn ist der Mensch ein triebgesteuertes Wesen, und es macht ihm Lust, sich vorzustellen, dass ihm die Rosette lange und zärtlich geleckt wird. Deshalb muss das vorkommen. Es ist schön, das auszusprechen und gemeinsam mit 1200 Leuten zu spüren: Hoy, das weiß ich jetzt aber nicht, was ich da jetzt gerade empfinden soll. Was denkst du denn? Na, ich guck dich lieber nicht an. Diese Art Überforderung durch fundamentale Wahrheiten unseres Lebens finde ich großartig. Das ist auch in keiner Weise pornografisch, weil er die Dinge so beschreibt, wie sie sind, auf eine sehr wissenschaftliche Weise. Mehr Foucault als Reeperbahn. Karin Beier hat mit großem Instinkt die Szenen aus dem Roman zusammenmontiert. Auch die Passage, in der François einen geblasen bekommt. Da wird es im Publikum immer stiller, wenn es heißt: "Mit der linken Hand hielt sie meinen Schwanz fest an der Wurzel umklammert, während sie mit den Fingern der rechten trommelnd über meine Eier fuhr." Und irgendwann schreit François: "Hör mal auf, hör auf", und dann montiert Karin Beier den Satz: "Gut", sagte sie, "dann essen wir jetzt was. Oder?" So wirkt der Satz wie eine Erlösung. Das Publikum darf endlich lachen und wieder in der Normalität ankommen. Ist das Theater eine geschlossene Anstalt? Ja sicher. Das kann niemand verstehen, der nicht in so einem Betrieb eine Weile gearbeitet hat. Das Theater ist ein Menschenexperimentierhaus. Wenn ich daran denke, dass in meinem Vertrag steht, wie bei allen anderen Kollegen in Deutschland auch: "In künstlerischen Fragen ist der Schauspieler weisungsgebunden", dann sehe ich rot. Kreativität braucht Freiheit! Ihr Freiheitsdrang machte sich schon früh bemerkbar. Sie sind als Kind mehrmals ausgerissen. Ich bin mit sieben das erste Mal weggelaufen. Ich nahm ein Weißbrot als Proviant mit und lief einfach los. An der nächsten Ecke kam mir schon mein Vater entgegen und fragte, wo ich hinwolle. Ich habe ihm gesagt: "In die große, weite Welt." Da hat er mich an den Ohren genommen und nach Hause gebracht. Ihr Vater war Gefängnisdirektor, Sie verlebten ihre Kindheit neben dem Knast. Die JVA Herford war eine Jugendstrafanstalt. Ab und zu sind Gefangene auf meinem Kinderfahrrad geflohen. Einer kam damit bis nach Gütersloh, wo er in einem Schrebergarten zwischen Kohlköpfen aufgegriffen wurde. Waren Ihre Eltern autoritär? Sie waren sehr protestantisch, streng und liebevoll zugleich. Der Zusammenhang von Hieben und Liebe in einem protestantischen Elternhaus gibt einem schon ein kompliziertes Päckchen mit auf den Weg, weil die Eltern natürlich aus Liebe schlagen. Ich bin dann aus einer bildungsbürgerlichen protestantischen Familie mit sehr klaren Wertvorstellungen in die 68er-Bewegung hineingerutscht: von der einen Autorität zur nächsten. Dazwischen kam ich überhaupt nicht dazu, mich selbst zu entdecken. Dazu habe ich ein ganzes Leben gebraucht, und meine Frau hat mir dabei entscheidend geholfen. Sie sind seit 1985 mit Martin Walsers ältester Tochter Franziska verheiratet, die ebenfalls Schauspielerin ist. Ich habe mich in der Familie von Franziska sofort zu Hause gefühlt. Ihre Eltern, ihre Schwestern haben mich offen und mit Sympathie aufgenommen. Das ermöglichte mir einen Neuanfang in meiner Entwicklung. In der Familie meiner Frau gilt Identitätsschwäche nicht als Makel, sondern eher als Chance, überhaupt so etwas wie ein Bewusstsein zu entwickeln. Ist Martin Walser anstrengend als Schwiegervater? Er war mir gegenüber von der ersten Minute an bis heute sehr zugewandt, ja freundschaftlich. Man spürt, wenn man mit ihm redet, dass er an seine Erfahrungen und Gefühle total angeschlossen ist. Daran lässt er einen teilhaben. Das hat auf mich eine sehr befreiende Wirkung. Wann standen Sie das erste Mal auf der Bühne? Im Gefängnis, da war ich zehn. Ich bekam ein Kostüm aus der Gefängnisschneiderei und sollte einen Kellner spielen. Meine Mutter hat den Text gedichtet: "Hier sieht man in seinem Kaffeegarten den Kellner Edgar auf die Gäste warten ..." Später habe ich dort Frauenrollen gespielt, bis ich im Stimmbruch war. War Ihnen klar, dass Sie Ihre Berufung gefunden hatten? Überhaupt nicht, aber meine Eltern haben immer gesagt: "Das ist unser kleiner Schauspieler." Mit 16 bin ich noch einmal abgehauen, weil ich Liebeskummer hatte. Ich klaute Geld von meiner Mutter und fuhr damit nach Berlin zu einem Vetter, der dort Pfarrer war. Er beschaffte mir dann einen Job als Totengräber in seiner Gemeinde. Ich war ein bisschen verwundert, wie derb die Leute auf dem Friedhof sind, wie grob die Witze in der Frühstückspause waren. Sie haben 1949 einen Bruder verloren – durch einen Unfall beim Spielen mit einer Handgranate. Wir waren Flüchtlinge, gerade irgendwie lebend aus dem Krieg gekommen, und dann holt der Krieg mit langer Hand noch mal ein Opfer raus. Meine Brüder hatten die Handgranate beim Spielen gefunden und mit nach Hause gebracht. Einer von ihnen legte sie auf die Treppe am Ein gang und versuchte, sie mit einem Krocketschläger zu öffnen. Durch die Explosion wurde ein Bruder schwer verletzt und der andere kam ums Leben. Ich war damals ein Jahr alt und lag in meinem Kinderwagen auf dem Balkon direkt darüber. Wie haben Sie das verarbeitet? Vierzig Jahre später habe ich während des Irak-Kriegs eine Sendung über Kinder gesehen, die Opfer von Minen wurden. Da habe ich meinen Bruder angerufen und ihn gefragt, ob er mit mir noch mal da hinfährt und mir das genau erzählt. Er war sofort bereit und hat mir diesen Augenblick dann vor Ort in aller Ausführlichkeit geschildert. Es war eine Vergegenwärtigung. Es hat mir viel bedeutet, dass er mir dieses schlimme Ereignis nach all den Jahren so genau erzählt und es mir so nahegebracht hat, als ob ich es selbst erlebt hätte. Haben Sie als Jugendlicher oft an den Tod gedacht? Als Student habe ich noch mal einen Bruder verloren, ein paar Jahre jünger als ich. Eine Zeit lang wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich hatte Phasen großer Selbstentfremdung, bis ich Shakespeare entdeckte. Als ich den Kerkermonolog aus Richard II. vor mich hin murmelte, fühlte ich mich auf einmal an mich selber angeschlossen und fasste Vertrauen in mein eigenes Leben. Ich hatte das Gefühl, diese Shakespeare-Figuren nehmen mich an der Hand und sagen: Wir sind deinen Weg schon gegangen, komm doch mit uns mit. Wie möchten Sie gern sterben? Schön wäre es, einfach schwächer zu werden. Ich kann mich an Krankheiten erinnern, vor allem an Kinderkrankheiten, wo man sehr gut damit zurechtkommt, dass man liegen muss, dass man nicht aufstehen kann, dass man keine Kraft hat, dass man nur noch dahindämmert. Das ist ein Zustand, der auch zum Leben dazugehört. Ich möchte nicht aus dem Leben gerissen werden wie beispielsweise bei einem Herzinfarkt. Ich möchte loslassen und sterben können. Wem würden Sie im Himmel gern begegnen? Vielleicht Kafka. Ich stelle ihn mir als einen spielerischen Menschen vor mit großem Sinn für Komik, der unter seiner eigenen Kälte leidet, aber seiner messerscharfen Beobachtung nicht entkommt. Ein idealer Freund im Himmel. Was würden Sie im nächsten Leben anders machen? Ich würde mehr Tiere um mich herum haben. Wenn ich etwas wirklich vermisse in meinem Leben, dann sind es Haustiere. Das Interview erschien erstmals im Mai im stern.
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