Fitness: Extremsport Treppen-Marathon: 84.000 Stufen in den Rausch

Kämpfen, immer weiter, nicht aufgeben. Zwei Stunden lang sprintet sie die Treppen am Berliner Velodrom hoch, dreht auf dem Absatz, rennt herunter. Noch einmal. Hoch, Drehung, runter. Splitt kratzt auf dem Beton unter ihren Schuhen. Ein paar Schneekristalle fegen durch die Luft. Nicht aufhören. Ihre stahlblauen Augen blicken starr nach vorn. Drehung, runter. Sie springt über matschige Silvesterböller und Splitter einer Berliner-Kindl-Bierflasche. Isabel Goebel trainiert für einen Treppen-Marathon . Rund 5000 Etagen im Hannoveraner Annastift-Hochhaus will sie am 18. Februar bezwingen. 5000 Etagen, das sind fast 200 Auf- und Abstiege. In weniger als zehn Stunden ist das kaum zu schaffen. Isabel Goebel wird eine Mütze aufziehen, damit andere Athleten im Treppenhaus nicht auf ihrem Schweiß ausrutschen – das ist die Vorschrift des Veranstalters. Was motiviert die Sportlerin dazu, ihre Grenzen derart auszureizen? Ist diese Art des Extremsports noch gesund? Früher briet Goebel Burger - heute läuft sie Ultramarathons Isabel Goebel, 26, ist abhängig vom Sport. Sie möchte rennen, immer wieder: "Der Reiz geht nicht weg, man kann immer schneller werden", sagt sie. An jedem Wochenende läuft sie einen Marathon, manchmal zwei. "Als Training", sagt Goebel – und lächelt, als sei ihr die eigene Kondition ein wenig peinlich. "Das ist Entspannung für mich. Ich werde beim Laufen innerlich ganz ruhig." Marathons fordern sie heute nicht mehr besonders. Das war nicht immer so. Treppenmarathon 5 Während ihrer Schulzeit habe sie "gefressen, was das Zeug hält", erinnert sie sich. Wenn sie eine Tafel Schokolade sah, schlang sie die sofort herunter. Sie sei "pummelig" gewesen, zudem sieben Jahre lang Raucherin und regelmäßig in Nachtclubs unterwegs. Die Schule schmiss sie 2010 hin. Fortan warf sie Pommes in Frittierfett und verteilte Gürkchen auf Schmelzkäse: eine Ausbildung bei Burger King . Kochen könne sie zwar nicht, sagte ihr Lehrer in der Übungsküche. Aber immerhin halte sie ihre Töpfe stets sauber. Sie bekam die Bestnote, wurde Restaurantleiterin. Disziplin lag ihr – wenn sie wollte. Schon als Kind bewunderte sie Marathonläufer im Fernsehen. Sie stellte sich vor, einmal schweißüberströmt ins Ziel zu rennen, stolz, die Arme ausgestreckt über dem Kopf, in Siegerpose. Jubelnde Massen. "Für fast alle ist ein Marathon ein utopisches Ziel", sagt sie. 2014 trat sie selbst zum ersten Mal an: Ohne Training, ohne Vorbereitung lief sie den Hamburg Marathon. Nach 20 Kilometern konnte sie nicht mehr. Die andere Hälfte der Strecke ging sie. Aber sie wollte besser werden. Training war die Lösung. Und sie hatte schnell Erfolgserlebnisse: Ein paar Monate später überquerte sie bei einem Marathon als beste weibliche Teilnehmerin die Ziellinie. Für sie ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Heute läuft sie auch Rennen, die 24 Stunden dauern. Solche Ultramarathons stehen alle paar Wochen in ihrem Terminkalender. Heute verschleißt sie vier bis fünf Paar Sportschuhe pro Jahr. Heute posiert Isabel Goebel auf Instagram mit der Jacke ihrer Berliner Laufgruppe, Aufschrift: "Niemand hat die Absicht, 100 Meilen zu laufen." Heute ist aus Isabel Goebels Pummelfett Muskelmasse geworden. Süßigkeiten isst sie nicht mehr. Jetzt stehen Eier, Magerquark "und so ein Schnickschnack" auf dem Speiseplan. Der Sport hat Isabel Goebel verändert. Während des Treppen-Marathons wird sie an den Versorgungsstationen Kartoffeln essen. Viele Kartoffeln, und dazu Salz, für die Muskeln. klein-Verticalmarathon Die strapaziert sie beim Treppen-Marathon besonders, der eigentlich ein "Duathlon" ist, also eine Art doppelter Marathon. Denn er belastet nicht nur vornehmlich das Herz-Kreislauf-System wie ein normaler Lauf. Vor allem die Waden, die Oberschenkel und das Gesäß stehen unter Extremstress. Nach einigen Hundert erklommenen Treppenstufen sind immer weniger Muskelfasern in der Lage zu arbeiten. Die Muskeln bauen Spannung auf, quetschen benachbarte Blutgefäße. Und wo wenig Blut durch die Adern pulsiert, reduziert sich der Sauerstoff: Die Muskeln werden dauerhaft unterversorgt. Das zerstört punktuell ihr Gewebe. Der Körper reagiert und setzt Heilungsmechanismen in Gang: Entzündungen sind die Konsequenz, die wiederum belasten den Körper. Hinzu kommt die Dauerbelastung der Hüft-, Knie- und Sprunggelenke. Der Marathon auf Treppen fordert den Organismen der Extremsportler mehr als viermal so viel Energie ab wie ein gewöhnlicher. "Nur sehr, sehr gut trainierte Körper können das tolerieren", sagt Professor Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln . Tägliches Treppensteigen reduziert das Lungenkrebsrisiko Froböse betrachtet diese Art von Extremsport kritisch, grundsätzlich aber preist er die Treppe als Sportgerät. Es sei die "beste und intensivste Trainingsstätte des Alltags". Weil wir beim Treppensteigen unsere Waden- und Fußmuskulatur sinnvoll belasten. Weil beim Überspringen jeweils einer Stufe die Kraft vor allem aus Hüfte, Gesäß und Oberschenkel kommt, was den Po in Form bringt. Und weil das Treppensteigen den Körper trainiert, verdient es eine Renaissance in Zeiten von Fahrstühlen und Rolltreppen. Das zeigt schon eine englische Studie aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine Gruppe von Ärzten begleitete damals fünf Jahre lang wissenschaftlich knapp 700 Männer, die in Londoner Doppeldecker-Bussen arbeiteten. Die Probanden verdienten ihren Lebensunterhalt entweder als Fahrer oder als Schaffner. Die einen saßen während ihrer Schichten am Lenkrad, während die anderen Treppen steigen mussten, um Passagiere auf beiden Etagen des Busses zu kontrollieren. Beide Berufsgruppen verdienten nur wenige Pfund pro Woche und hatten so den gleichen und damit vergleichbaren Lebensstandard. Nach ihrem Dienst wurden die Busfahrer und Schaffner von den Ärzten in kleinen Erste-Hilfe-Zimmern der Garagen untersucht. Treppenmarathon 3 Am Anfang der Studie sahen die Mediziner bei keinem Teilnehmer Anzeichen für Herzkrankheiten. Am Ende der Studie aber, nach fünf Jahren, hatten sieben Prozent der Angestellten eine solche entwickelt. Die Fälle waren jedoch nicht gleichmäßig auf Busfahrer und Schaffner verteilt: Die dauersitzenden Männer waren fast doppelt so häufig betroffen wie ihre treppensteigenden Kollegen. Auch spätere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen das Ergebnis und kamen zu dem Schluss: Regelmäßiges Treppensteigen verlängert das Leben und reduziert das Lungenkrebsrisiko. Treppensteigen vergrößere das Volumen des Herzens, verleihe ihm Kraft, sagt Ingo Froböse. Es rege den Stoffwechsel an und helfe so gegen Übergewicht. Außerdem vertiefe sich die Atmung – das bringe Sauerstoff in unseren Körper, ernähre Muskeln und Knochen. Daher fordert der Sportwissenschaftler: "Wir sollten nicht nur die Fahrstühle chromblitzend gestalten, sondern auch die Treppenhäuser attraktiver machen." Doch während die Wege zu Aufzügen meist deutlich beschildert sind, müssen gesundheitsbewusste Menschen die Stufen oft suchen. Treppensteigen - der Weg zum Knackarsch Froböse unterstützt zusammen mit der Sporthochschule Köln das Projekt " Stairtalk ". Die Organisatoren veranstalten deutschlandweit sogenannte Treppenhaus-Challenges für Unternehmen. Dabei platzieren sie kleine Plastikchips zum Sammeln in deren Treppenhäusern: Das fleißigste Büro mit den meisten Chips gewinnt nach einigen Wochen den Wettbewerb. Außerdem klärt das Team von Stairtalk auf: Wer täglich zehn Etagen steigt, verbrennt im Laufe der Woche etwa 280 Kilokalorien. Das entspricht ungefähr dem Verzehr einer Frikadelle. Die Stairtalk-Mitarbeiter kleben zudem Schilder neben die Treppen mit motivierenden Botschaften: "Treppensteigen aktiviert die Rückenmuskulatur – und das kann Schmerzen lindern." Ein anderes Schild verspricht: "Der Weg zum Knackarsch..." Auch der Veranstalter des Treppen-Marathons, Horst Liebetruth, möchte die Treppe als Sportgerät etablieren. Früher litt er unter Rückenproblemen, nahm täglich Schmerzmittel. Doch seit er die Stufen für sich entdeckt habe, sagt er, brauche er die Arzneien nicht mehr. Publikumswirksam inszeniert er daher sein Event – und sich selbst. Auf seiner Internetseite präsentiert er sich im Anzug, knieend im Wald, auf seinen Schultern ruht ein meterlanger Baumstamm. Darunter steht das Motto: "Vollkommenheit ist unsere wahre Wesensart." Für alle Einsteiger predigt er: "Treppenlaufen fängt mit der ersten Stufe an." Für die Teilnehmer des Marathons aber hört das Treppenlaufen erst nach 83.808 Stufen auf. "Ein Wahnsinn" sei das, sagt Willi Heepe, Arzt und langjähriger Medizinischer Direktor des Berliner Marathons. Einen Treppen-Marathon verantworten? Nein, danke, sagt er. "Was passiert, wenn jemand im elften Geschoss zusammenbricht?" Bis er einem kollabierten Sportler dort helfen könnte, wäre es womöglich schon zu spät. Horrorgeschichten hat Heepe genug erlebt: 37 Jahre lang versorgte er erschöpfte Läufer beim Berlin-Marathon. Viele Sportlerherzen musste er wiederbeleben, einigen Teilnehmern konnte er nicht mehr helfen. Für den Arzt, selbst langjähriger Marathonläufer, haben die meisten Extremsportler "eine Meise": Sie litten häufig unter einem pathologischen Verdrängungsmechanismus und ignorierten Schmerzen, wenn sie ihre Grenzen überschritten – dann drohe Lebensgefahr. "Klar, die Nummer geht über Grenzen hinaus", räumt auch Veranstalter Liebetruth ein. Der Schnellste im Startfeld schaffe es, 26 Etagen in durchschnittlich unter drei Minuten zu erklimmen. Doch die Sorgen des Marathon-Arztes Heepe teilt er nicht. Die Gesundheit der 20 Teilnehmer habe absoluten Vorrang. Alle Sportler hätten vor dem Lauf mit einer Unterschrift versichern müssen, dass sie in bester Verfassung seien. Auf jeder Etage stünden Aufpasser. Und im Notfall liege die nächste medizinische Hochschule keine drei Kilometer entfernt. Treppenläuferin Isabel Goebel ist sich sicher: Da wird sie nicht landen. Sie sagt, es gehe ihr nicht darum, zu gewinnen. "Der Spaß am Sport steht für mich an erster Stelle." Daher hat sie auch keinen Trainingsplan wie so viele ihrer Extremsportler-Kollegen. Sie treibt Sport, wenn sie Lust hat. Doch langfristig sind ihr Straßen und Stufen nicht genug. Nach dem Treppen- Marathon will sie Schwimmunterricht nehmen, als Vorbereitung für einen Triathlon. Im Moment hat sie nur das "Jugendschwimmabzeichen Bronze" – dafür musste sie 200 Meter in höchstens 15 Minuten zurücklegen. Das schaffen Grundschulkinder. Doch das stört sie nicht. Sie weiß ja: Sie kann besser werden.
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